Selbstverwaltet und kommunal

Zusammen mit Kerstin Stakemeier, Stadt von Unten und der Nachbarschaftsakademie haben wir einen Workshop zum Thema „Selbstverwaltet und kommunal. Autonomie als Bezugsgröße für Stadtpolitik(en)?“ organisiert.

Im Workshop hat die Initiative „Stadt von Unten“ ihre Idee eines „Modellprojekts“ vorgestellt. Es geht dabei nicht in erster Linie um ein konkretes Vorhaben mit Finanzierungsplan, Gesellschaftervertrag und Vereinssatzung. Es geht vielmehr um den politischen Prozess, der ein Aushandeln eines solchen Konzeptes mit breiter Akteursbeteiligung ermöglichen kann. Bei der Verbindung von „selbverwaltet“ und „kommunal“ geht es um zwei Fragen: Können Instrumente der Selbstverwaltetung in kommunalen Strukturen verankert werden? Und können Selbstverwaltungsmodelle breitere Anwendung finden und auch außerhalb alternativer Nischen funktionieren?

Autonomie ist eine Konstante in den politischen Auseinandersetzung um Stadt und Eigentum. Wie schwierig die Einforderung von Selbstverwaltung in staatlichen Institutionen ist, können wir aktuell bei der Wahl zu den Mieterräten der Wohnungsbaugeselschaft Gesobau sehen. Hier wurde kritischen Mieterinnen das passive Wahlrecht aberkannt. Die Geschichte der Berliner Hausbesetzungen kennt Beispiele von selbstverwalteten Räumen und Häusern. Sie kennt aber auch Beispiele, in denen Häuser durch ehemalige Hausbesetzerinnen später wieder privatisiert wurden bzw. in denen die Projekte zu nach innen gerichteten, alternativen Inseln geworden sind. In der Auseinandersetzung um die Legalisierung von besetzten Häusern gingen Nicht-Verhandlerinnen oft leer aus, obwohl ihre Kompromisslosigkeit wichtig für die Verhandlungsposition gegenüber dem Senat war. Im „roten Wien“ der Zwischenkriegszeit gab es eine breite Selbstorganisation der Siedlerbewegung. Diese wurde später von der sozialdemokratischen Stadtverwaltung in das größte Sozialwohnungsbauprogramm der Zwischenkriegszeit überführt.
Einführend hat Kerstin Stakemeier die Brauchbarkeit des Konzepts der Autonomie in den gegenwärtigen stadtpolitischen Debatten diskutiert. In ihrer theoretischen Arbeit verbindet sie den Begriff der Autonomie mit dem der (Re-)Produktion. Arbeit und die Verfügung über die eigene Zeit werden damit auch zu stadtpolitischen Kategorien, denn Mieten werden mit Arbeitszeit bezahlt.
In Kerstins Rekonstruktion von Autonomie zeichnet sich ab, das eine absolute Autonomie weder politisch wünschenswert, noch möglich ist. Wie können wir jenen Moment der Selbstbestimmung konstruieren, der relational ist und dem Entweder-Oder von Verhandeln und Nicht-Verhandeln entkommt, Ressourcen erstreitet und neue politische Räume jenseits alternativer Inseln eröffnet?

 

Materialien

In Vorbereitung auf den Workshop können wir auf Nachfrage folgende Materialien zur Verfügung stellen:

 

Gäste
Die Initiative Stadt von Unten setzt sich in vielfältigen Formen gegen die Privatisierung des sogenannten Dragonerareal in Kreuzberg ein; einem der letzten großen Freiräume im Bezirk. Erfolgreich wurde damit die Höchstgebotspolitik des Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble verhindert. Mit der Idee eines 100%-Modells setzt sich Stadt von Unten für wirklich bezahlbare Mieten ein und für eine Kombination aus Selbstverwaltung und kommunalen Strukturen.

Die Nachbarschaftsakademie wurde 2015 als offene Plattform des Austausches und des selbstorganisierten Lernens in den Prinzessinnengärten gegründet. In Kooperation mit KünstlerInnen, Forschenden, stadtpolitischen und zivilgesellschaftlichen Initiativen und AktivistInnen widmet sie sich den Themen: Austausch zwischen Initiativen im urbanen und ländlichen Raum / Herstellung von Nachbarschaften im lokalen wie im globalen Kontext / Sorge um die Gemeingüter / Recht auf Stadt / Stadt-Land-Beziehungen / sozial-ökologische Transformationen von Unten. Unterschiedliche Prozesse der Aneignung, des Widerstandes, des partizipativen Forschens und des Engagements werden dabei als Formen „Kollektiven Lernens“ verstanden.

Kerstin Stakemeier ist Kunsttheoretikerin und Professorin für Kunsttheorie an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der kritischen Auseinandersetzung mit politische Strategien in der Kunst. Sie arbeitet zu Realismen in der Kunst und setzt sich explizit politischen mit der Problematik künstlerischer Autonomie auseinander. Die fortgesetzte Kollaboration mit Anderen – in Forschung, im Schreiben, in der Lehre und der praktischen Arbeit innerhalb der Kunst – ist ein wesentliches Moment ihrer Praxis.